Sorcellerie française
Petit Albert, Grand Albert, Lévi-Erbe
Sorcellerie française, drei Schichten
Catholic-folk · Grimoires · Occultisme
Sorcellerie française ist kein einheitliches System, sondern drei ineinander verwobene Schichten: erstens die lebende katholische Volksmagie (Heiligen-Verehrung, Weihwasser-Gebrauch, Kerzen-Riten an Saints), die in vielen ländlichen Regionen Frankreichs und Quebec ungebrochen praktiziert wird. Zweitens die frühneuzeitliche Grimoire-Kultur, Le Petit Albert (1668), Le Grand Albert, Cyprianus, die im 17., 19. Jahrhundert in Bauernhäusern lag und durchgewerkt wurde. Drittens der Okkultismus des 19. Jahrhunderts (Éliphas Lévi, Papus, Eteilla), aus dem die meisten modernen Western-Occultism-Strömungen ausgegangen sind.
Drei Schichten klar unterscheiden
- Lebende Catholic-folk Magic: Saint-Anrufung, Weihwasser, Marien-Bitten, Eier-Reinigung. Großmutter-zu-Enkelin, im katholischen Rahmen.
- Grimoire-Kultur: Petit Albert, Grand Albert, Sechste-und-Siebte-Buch-Mosis. Schutzformeln, Heilbesprechungen, Talismane. Im Bauernhaus, oft heimlich.
- Okkultisme française: Lévi (1856), Papus (1880er), Eteilla (1780er Tarot). Intellektuelles Programm, Salons, Orden, aus diesem Strom kommen Crowley, GD, moderne Hermetik.
Was Sorcellerie française nicht ist
- Keine reine Wicca-Variante mit französischen Götternamen, dieser Pfad hat keine zentrale Göttin/Gott-Polarität.
- Keine homogene Tradition, die drei Schichten kennen einander oft nicht. Eine Saint-anrufende Großmutter in der Provence kennt kein Liber AL.
- Keine geschlossene Tradition, alle drei Schichten sind offen, aber kontextspezifisch (Catholic-folk braucht den katholischen Rahmen, um Sinn zu machen).
Wer Sorcellerie française praktiziert, sollte wissen, in welcher Schicht er arbeitet, Saint-Magie und Lévi-Pentagramm sehen ähnlich aus, sind aber unterschiedliche Welten.
Le Petit Albert & Le Grand Albert
Französische Volksgrimoire · 17., 19. Jh.
Le Petit Albert (Erstauflage ca. 1668, populäre Ausgabe Köln 1722) und Le Grand Albert sind die wichtigsten französischsprachigen Volksgrimoire des frühmodernen Europa. Albertus Magnus (13. Jh.) zugeschrieben, aber tatsächlich anonym kompiliert. Sie liegen in Bauernhäusern und kleinbürgerlichen Haushalten als praktische Magie-Handbücher: Schutzformeln, Heilbesprechungen, Liebes-Magie, Diebstahl-Aufdeckung, Wettermagie. Public Domain.
Le Petit Albert (1668ff.)
- Schwerpunkt: praktische Hausmagie, Schutz vor Hexen, Diebstahls-Vereitelung, Tier-Heilung.
- Klassische Stücke: Hand der Herrlichkeit (Talisman aus Hängenden-Hand), Beschwörungs-Kreise mit lateinischen Formeln, magische Sympathie-Spiegel.
- Latein-Brocken kombiniert mit Altfranzösisch, die Wirksamkeit liegt in der korrekten Aussprache.
- In manchen ländlichen Familien bis ins 20. Jahrhundert weitergegeben, als Familienbuch, nicht öffentlich gezeigt.
Le Grand Albert (~1750)
- Schwerpunkt: höhere Magie, Engel-Anrufung, planetare Talismane, Stein- und Pflanzen-Korrespondenzen.
- Auch medizinische Rezepte, viele davon basierend auf der Galenischen Säftelehre.
- Steht zwischen Grimoire-Kultur und beginnender Renaissance-Hermetik (Agrippa-Substrat sichtbar).
Cyprianus (Saint-Cyprian-Buch)
- Drittes wichtiges Volksgrimoire, in mehreren französisch-skandinavisch-deutschen Versionen.
- Nach dem heiligen Cyprian von Antiochien benannt, der vor seiner Bekehrung Magier gewesen sei.
- In Frankreich oft unter dem Titel "Livre du Diable" bekannt, der Titel ist marketing, nicht Inhalt.
Éliphas Lévi, Magier des 19. Jahrhunderts
1810 bis 1875 · Dogme et Rituel · 1856
Éliphas Lévi (geboren als Alphonse Louis Constant) hat mit Dogme et Rituel de la Haute Magie (1856) den modernen Magier-Begriff geprägt. Ehemals katholischer Diakon, dann Gefängnisinsasse aufgrund socialistischer Schriften, dann Okkultist. Lévis Synthese aus Kabbala, Tarot, christlichem Hermetismus und romantischem Eklektizismus ist der Boden, auf dem Crowley, die Goldene Dämmerung und die ganze moderne Western-Occultism-Tradition gewachsen ist.
Lévis Kernideen
- Astrallicht (lumière astrale), universelles Medium aller magischen Wirkung; Vorläufer der modernen Energie-Konzepte.
- Pentagramm als Schlüssel-Symbol, er hat die heute klassische 22-Trumpf-Tarot-Sephiroth-Korrespondenz etabliert (mit ihren Schwächen).
- Magier als reflektierender Mensch, Magie als Disziplin, nicht als rohe Macht.
- Das Bild des Sabbat-Bocks (Baphomet) als Symbol des Gleichgewichts, von Lévi gezeichnet, später aufgegriffen und missverstanden.
Was zugänglich ist
- Dogme et Rituel de la Haute Magie (1856), der Hauptwerk, Public Domain, in mehreren Übersetzungen frei.
- Histoire de la Magie (1860), Geschichte der Magie aus Lévis Sicht; teilweise spekulativ, immer lesbar.
- La Clef des Grands Mystères (1861), kompakter, eher praxisorientiert.
- Tarot-Korrespondenzen: Lévi hat die Zuordnung Tarot-Trump zu hebräischen Buchstaben begründet, die GD und Crowley übernahmen (bei einigen Karten umstritten).
Was zu beachten ist
- Lévis Pentagramm-Diagramm aus Dogme et Rituel ist sein originales Werk, aber dadurch auch zur antisemitischen Symbolik missbraucht worden im 20. Jahrhundert. Der Kontext bei Lévi war anders.
- Manche seiner historischen Behauptungen (über die Templer, Atlantis, ägyptische Mysterien) sind Spekulation, nicht Geschichte.
- Lévi selbst war kein Praktiker im modernen Sinn, er beschreibt das System, hat es aber selten gemacht.
Lies Lévi langsam. Sein französischer Stil ist verschachtelt; sein System ist klar. Das ist die Quelle der modernen Hermetik.
Papus & der französische Okkultismus 1880er, 1910er
Gérard Encausse · Salons · Orden
Papus (Gérard Encausse, 1865 bis 1916), Mediziner und Okkultist, hat das Erbe Lévis in die Salons der Belle Époque getragen. Er gründete den Ordre Martiniste, schrieb pädagogische Magie-Bücher und etablierte den Tarot de Marseille als Hauptdivinations-System der französischen Sphäre. In dieser Zeit entstanden die intellektuellen Strukturen, aus denen über Crowley die ganze moderne englische Magie wurde.
Wichtige Werke (Public Domain)
- Traité méthodique de magie pratique (1893), pädagogisches Handbuch für Anfänger.
- Traité élémentaire de science occulte (1888), Übersicht über das gesamte Feld.
- Le Tarot des Bohémiens (1889), Tarot als esoterische Bibliothek der Roma.
- La Cabbale tradition secrète de l'Occident (1892), französische Synthese kabbalistischer Lehren.
Andere Stimmen der Zeit
- Stanislas de Guaita (1861 bis 1897), Ordre Kabbalistique de la Rose-Croix, Symbolist.
- Joséphin Péladan, Salon de la Rose+Croix, Künstler-Bewegung mit okkultem Programm.
- Sédir (Yvon Le Loup), Christlicher Mystiker, Übersetzer Jakob Böhmes ins Französische.
- Maurice Magre, Spätere Generation, Albigenserforschung, Theosophie.
Was zu beachten ist
- Die französische Okkultismus-Welle der Belle Époque hat einen klaren rassistischen Untergrund, "die jüdische" oder "zigeunerische" Quelle der Magie wird oft mit kolonial-rassistischer Romantik benannt.
- Papus selbst hat antisemitische Züge in einigen seiner Schriften, ohne sie zentral zu machen.
- Wer mit Papus arbeitet: lies kritisch, übernimm Methode und nicht alle Wertungen.
Tarot de Marseille, der französische Tarot
Pre-okkulte Bildsprache · 17. Jh. bis heute
Der Tarot de Marseille ist der älteste durchgehend praktizierte Tarot-Typ, entstanden im 17. Jahrhundert in Frankreich aus norditalienischen Vorgängern (Visconti-Sforza), kanonisiert in Marseille im 18. Jahrhundert. Anders als der Rider-Waite-Smith Tarot (1909, britisch-okkult) hat der Tarot de Marseille keine illustrierten Pip-Karten, die Zahlenkarten zeigen nur das Suit-Symbol in stilisierter Anordnung. Das macht ihn schwerer zu lesen, aber näher an der vor-okkulten Tradition.
Vier wichtige Versionen
- Tarot de Marseille de Conver (1760), die kanonische Variante, von Nicolas Conver geschnitten.
- Camoin-Jodorowsky-Tarot (1997), moderne Restauration der Conver-Druckplatten, mit Alejandro Jodorowsky.
- Tarot de Marseille de Jean Dodal (1701), älter, gröber, ursprünglicher.
- Tarot Conver-Ben-Dov (2010), historisch akkurate Rekonstruktion.
Was unterscheidet ihn vom Rider-Waite
- Pip-Karten: Marseille zeigt nur Schwerter/Stäbe/Becher/Münzen in stilisierter Anordnung, keine erzählenden Bilder.
- Lese-Methode: man liest die Bewegungs-Richtungen, Anzahl, Anordnung der Suits, nicht Bildszenen.
- Trumpf-Reihenfolge: Trumpf XX = "Le Jugement", XXI = "Le Monde", bei Rider-Waite gleich.
- Trumpf VIII Justizia, XI Stärke (umgekehrt zu Crowley/RWS, wo VIII Stärke und XI Justizia).
Wer mit ihm arbeitet
- Jodorowsky-Tradition (post-1980er Marseille-Schule): psycho-magische Lesart, sehr lebendig in Frankreich.
- Marie-Anne Lenormand-Erbe (1772 bis 1843), die berühmte französische Wahrsagerin nutzte Marseille-Karten.
- Catholic-folk Praktizierende, Marseille ist näher am Volk, Rider-Waite näher am Schreibtisch.
Wer Tarot lernt: probiere mindestens einmal Marseille. Die Pip-Karten zwingen dich, ohne Bilder-Krücke zu lesen, und das schult.
Quellen:Anonymous, Le Petit Albert, 1668 · Anonymous, Le Grand Albert, 1750 · Lévi, Éliphas, Dogme et Rituel de la Haute Magie, 1856 · Waite, Arthur Edward, The Pictorial Key to the Tarot, William Rider & Son 1911 · Fehler gefunden?
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